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Vielleicht Weltraumbahnhof - bestimmt mit Warmwasseranschluß

Chiles ergiebigstes Reiseziel: Die Atacamawüste

Die Wüste blüht von Oktober bis Dezember. Wenn über Deutschland die Herbststürme hereinbrechen, beginnt in Chile der Frühling und damit die für den Touristen angenehmste Reisesaison. Das gilt vor allem für den Norden des schmalen Landes an der Westküste Südamerikas, für die Atacama-Wüste. Es sei die trockenste Landschaft der Welt, erklären Reiseführer und Taxifahrer übereinstimmend, denn es soll dort seit Menschengedenken nicht mehr geregnet haben. Aber eine öde Sahara ist es für Touristen nicht, sondern die interessanteste Region Chiles.

In einem Land mit der Nord-Süd-Ausdehnung von 4300 Kilometer - was etwa dem Abstand Moskau-Lissabon entspricht - gibt es für den Reisenden kaum eine Alternative zum Flugzeug. Wer von Santiago startet, fliegt nordwärts nach Antofagasta oder Iquique, Wüstenstädte am Pazifik, und erlebt hier schon Merkwürdiges: Ohne einen grünen Saum geht das Meer in die Wüste über, kein Palmenstrand, kein Vegetationsstreifen. Die Wellen brechen sich an nackten Steinen - Ausläufer der scheinbar leblosen Berge. Zeitweilige Kolonien von Pelikanen, Kormoranen oder Pinguinen oder vereinzelt ein Delfin, der aus dem küstennahen Wasser springt zeigen es aber an: Wir sind noch in dieser Welt. Längst ist die hier einmal herrschende Inka-Kultur durch die Spanier ausgelöscht worden. Weiter südlich verläuft die "Pampa de indio muerte" (die Steppe zum toten Indio").

So einsam wie heute waren viele Landstriche in der Gegend nicht immer. Wer im Auto landeinwärts preschen, der stößt allenthalben auf die Spuren einer versunkenen - Industrielandschaft, wobei verlassene Salpeterminen dabei das Interessanteste sind. Um Salpeter wurden in hier im letzten Jahrhundert gekämpft, wie Jahrhunderte zuvor die Spanier um das Gold. Ein paar Dutzend Jahre lang begründete Salpeter die Belebung und Besiedlung des Landes, die ganze industrialisierte Welt benötigte Chile-Salpeter für die Sprengstoffe, und damit anständig Krieg führen zu können. Erst ihren synthetischer Ersatz ließ das System der Förderung, des Transportes und der Verschiffung über Nacht zusammenbrechen.

Vor der vom Wüstenwind beinahe verwehten einstigen Salpetermine Humbertston verkaufen Frauen in der Hitze Abzüge von Fotos, die aus einer Zeit stammen, als hier noch Handel und Wandel herrschte. Die Ausbeutung der mineros (Bergarbeiter) ging damals so weit, dass statt Geld Bezugscheine ausgegeben wurden, die dann wieder nur im firmeneigenen Läden eingelöst werden konnten. Heute stapfen die wenigen Besucher durch eine riesige verlassene Industriebrache, vorbei an rostigen Trägern, Balken, Friedhöfen für die Opfer auf dem Altar der industriellen Revolution und beinahe noch intakte Baracken. Ostdeutschen werden die industriellen Ruinen ein vertrautes Bild sein. Noch kümmert sich niemand darum, und die Wüste könnte das in einigen hundert Jahren alles wieder "geschluckt" haben. Doch auch hier werben inzwischen Unterschriftenaktionen für den Denkmalerhalt.

Der Kupferbergbau hat die Rolle des Salpeters übernommen. Er läßt die Gegend leben und sterben zugleich. Der ungeheure Tagebau Chuquicamata ernährt und vergiftet die benachbarte Wüstenstadt Calama. Wer einen Eindruck davon bekommen will, wie es aussehen kann, wenn der Mensch Berge versetzt, den lädt die Mine ein. Die Geschäftsführung hat angesichts der Widerstände gegen den umstrittenen Abbau eine clevere Strategie entwickelt. Sie bietet die Rundfahrt über ihr Betriebsgelände kostenlos an, von jedem Besucher wird jedoch "erwartet", dass er einen Beitrag für das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen spendet. Das nimmt dem ökologisch motivierten Widerstand etwas Wind aus den Segeln. Der Tagebau tut sich als ein wahrer Abgrund vor den Besuchern auf. Die dort Tätigen verdienen im Schnitt drei Mal mehr als Chilenen sonst im Lande. Eine Tonne Kupfererz ergibt zehn Kilogramm Kupfer. Durch diese staubige Hölle donnern die größten Lastkraftwagen der Welt, sie können über 200 Tonnen Erz transportieren.

Dieser Text ist Teil einer größeren Chile-Reportage. Er unterliegt dem Urheberrecht. Bei Interesse an der vollständigen Reportage wenden Sie sich an die Redaktion von travel-report.info .
mauß