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Mexiko-Stadt: Wieder in der größten Kommune der Welt

Reise nach Mexiko vom 10. November bis 22. Dezember 2007

Von wegen, der moderne Reisemensch kann seine Füße zuhause lassen. Weil das Flugzeug nach Frankfurt/M. verspätet abhob, erwische ich das Toronto-Flugzeug nur noch rennend - und keuchend lasse ich mich in den Sitz fallen. Aber es geht los. Bis Toronto fliegen wir elf Stunden, vier weitere dann von dort nach Mexiko-Stadt. Genug Zeit, meinem Reiseplan den letzten Schliff zu geben.

Vor einem Jahr bin ich an der Ostküste Mexikos (in Cancùn) gelandet, bewegte mich in Etappen mal mehr mal weniger entlang der Küste, danach auf die Hauptstadt zu und in sie hinein. Von dort ging es ein paar hundert Kilometer nach Norden, bis die vorgerückte Zeit mich zur Umkehr zwang. Mit dem Flugzeug danach wieder Cancùn erreicht. Die letzten Tage verbrachte an den Stränden südlich von Cancùn, um dann vorn dort wieder nach Hause zu fliegen.

Diesmal habe ich einen Gabelflug gebucht, d.h. ich würde in Mexiko-Stadt landen und rund 7 Wochen später von Cancùn aus wieder abfliegen. Vorgenommen habe ich mir, zwei Tage in der Hauptstadt zu akklimatisieren, dann meine „alte“ Route nach Norden zu verfolgen und weiter vorzudringen als im Jahr zuvor. Dann würde ich mich in einem weiten Bogen nach Westen zu über Guadalajara, der „zweiten Hauptstadt“ des Landes Richtung Pazifikküste bewegen, am Strand ein paar Tage verbringen, um dann Richtung Westen und Südwesten die tropischen Südregionen des Landes zu erkunden. Zum Schluss würde ich an den Stränden der Ostküste auftauchen und mich in einer Strandhütte auf den Rückflug vorbereiten.

Alles in allem würden beide Touren zu einer riesigen Rundreise in diesem lateinamerikanischen Land „verschmelzen“.

Aber zunächst muss ich mich auf die Beköstigung im Flugzeug vorbereiten. Mit Genugtuung nehme ich zur Kenntnis, dass der Fortschritt ein unaufhaltsamer ist. Es gibt in der Maschine nicht etwa nur ein Männer- und ein Frauen-WC. Jetzt wartet schon eine Klokabine auf ihre Benutzung, die für Eltern mit Kindern reserviert ist.

Neben mir sitzen zwei Inderinnen, ich bestelle also Lamm zum Mittag, denn das Steak ist Kuhfleisch und ich will doch meine guten Beziehungen zur Indischen Union nicht aufs Spiel setzen. Auch ein Stück Huhn hätte ich mir servieren lassen können, aber Huhn in Wermutsoße gab es schon am Vorabend beim großen Abschiedsessen. Auf den internationalen Fluglinien haben sich beim Mittagsmenü Huhn, Schaf und Fisch durchgesetzt. Sie sind - im Unterschied zu Rind und Schwein - kein religiöses Symbol und auch kein kulinarisches Hassobjekt. Das müssen sie in der Pfanne büßen. Mein Lamm ist etwas zäh, das kann als seine kleine Rache gelten: Mir fällt Stefan Heym ein: „Das Schaf, das sich fressen lässt, stärkt die Ordnung der Wölfe“.

Mein Gepäck ist zweigeteilt in Rücksack und Handsack, der sich an den Rucksack klinken lässt und noch leichter als beim ersten Mexiko-Abenteuer vor einem Jahr. Ein MP-3-Player sorgt dafür, dass sich mich akustisch von der Umgebung isolieren kann. Insofern bleibe ich unabhängig vom Einheitsangebot der Welt. Meine Fluggesellschaft Air Canada lässt aber keinen Berieselungswunsch unerfüllt, auf dem Bildschirm im Vordersitz kann ein jeder zwischen Radio, Kino und Oper wählen und da auch noch zwischen vielen Untergruppen.

Über Toronto stahlblauer Himmel. Ich hatte beim Buchen der Reise darauf bestanden, in Kanada zwischenzulanden und nicht in den USA, obwohl der Flug via Atlanta kürzer und auch etwas billiger gewesen wäre. Aber die Gunstbezeigungen unserer US-amerikanischen Freunde als Rahmenhandlung meines Mexiko-Aufenthaltes vor einem Jahr liegen mir schwer im Magen und sind noch nicht verdaut. Damals bin ich über die USA nach Mexiko ein- und auch wieder ausgereist. Meine Fingerabdrücke hat der Heimatschutz, meine Augen-Iris ist von ihnen gescannt worden, auf weitere Freundschaftsbeweise bis hin zur Adoption lege ich keinen Wert. Kanada ist auf seinem größten Flughafen angenehm indifferent. Ich tausche 50 Dollar in Mex-Pesos, nicht gerade günstig, aber es ist das „Starter-Kit“. (kit gleich feldmarschmäßige Ausrüstung.) In der Wartehalle lümmeln sich deutsche Jugendliche, die auf der Heimreise sind. Sie halten sich für weltläufig, weil sie die Passagiertechniken der internationalen Fliegerei beherrschen. Ist es wahr, dass die Deutschen jene Spezies bilden, die allen Kulturen der Welt auf der Spur ist, aber selbst keine besitzt? Sie möchten cool sein wie die Amerikaner, weltläufig wie die Briten, verwöhnt wie die Franzosen, feurig wie die Italiener – nur sie selbst möchten sie lieber nicht sein.

Der Abend bricht herein, als ein halbleeres Flugzeug den Viereinhalb-Stunden-Flug nach Mexiko-City beginnt. Kurz vor Abflug habe ich mich mit Stefan bekannt gemacht, es war schon ein Sketch, wie wir beide ein wenig auf Englisch geradebrecht hatten, bis klar war, dass wir es auch auf Deutsch könnten.

11.11. 07

Gegen Mitternacht landen wir in der größten Stadt der Welt. Allerdings nur mit Handgepäck, weil mein Rucksack in Frankfurt den Sprint zum Flugzeug nicht nachvollzogen hat und nicht mit von der Luftpartie war. Aber ich habe das wichtigste dabei. Abgeholt werden wir von Ines, einer Bekannten des Stefan. Meine Ortskenntnis ist gefragt, ich bringe uns in die bezeigte Jugendherberge im Stadtzentrum und in einem Schlafsaal leere ich schon mal mein erstes Weinbrand-Fläschchen, das die Reserve für den Ernstfall bildet. Von morgen an würde es der mexikanische Rum sein. Anderntags ziehe ich in ein Einzelzimmer um, das ich für 400 Peso miete. Das ist mit ca. 30 Euro eine der teuersten Herberge der ganzen Reise. Aber ich muss ausharren, weil mir das Gepäck hierher nachgeschickt werden soll. (Was dann einen Tag später auch passiert.)

Noch etwas aus den Fugen nach Zeitverschiebung und sechs Stunden Schlaf laufe ich die City von Mexcity ab. Um den „Platz der Verfassung“ findet heute Vormittag ein Radrennen statt. Zu diesem Behufe ist vieles abgesperrt, der Zuschauer zwängt sich und ich zwänge mit, als ich die erste Runde im Zentrum drehe. Die Teilnehmer bekommen Bananen und Wasser, ich die Erlaubnis, das ganze vom VIP-Zelt aus zu betrachten.

Die Sonne brüllt mörderisch vom Himmel, noch lauter aber ein Aztekenzug, also eine Art Aztekenfasching von der Kathedrale hin zum Templo Mayor. Von Kind bis Greis spielen sie hier die Vorfahren in bunter Tracht und schlagen die Trommel dazu. Die wildesten der Darsteller sind gar keine Indios, sondern Weiße, aber so ist das ja überall auf der Welt, dass man – schuldbewusst - in die Rolle der anderen, der Opfer, schlüpft. In Deutschland gab es nach dem Ersten Weltkrieg „Super-Franzosen“ (sagte Tucholsky), nach dem Zweiten gab es arische Super-Juden und in Mexiko gibt es nun eben mal weiße Super-Indianer.

Weil ich beim Fotografieren des Spektakels auf eine Grünfläche getreten bin, schimpft mich eine ältere Dame ein wenig aus, ich weiche zurück in den „Templo Major“ gleich nebenan. (Das war auch die letzte Verteidigungslinie der Azteken vor den Spaniern unter Hernàn Cortès.) Dessen Museum ist am heutigen Sonntag kostenlos zu besuchen, das nutzen Tausende. Ich schlendere später über die Märkte im Norden des Zentrums und stoße auf eine Straße, in der an allen Häusern auf gigantischen Plakaten eine einzige Dienstleistung angeboten wird: WC. Dann schaue ich im Völkerkunde-Museum vorbei und studiere den mexikanischen Blick auf die alten Ägypter, Griechen und Römer sowie auf die neuen Ungarn, Rumänen und Franzosen. Die Deutschen suche ich leider vergeblich und die bulgarische Abteilung wird gerade repariert. Treff mit meinen zwei Wessis. An der schönen offenen Jugendherbergs-Kneipe neben der Kathedrale werden wir schnöde abgewiesen.

12.11.7

Um sechs werfe ich mich aus dem Bett, denn es gilt, einem Schauspiel beizuwohnen, das ich vor einem Jahr verpasst habe: Allmorgendlich wird laut Reiseführer um 6 Uhr die riesige Fahne Mexikos von der Präsidentengarde auf dem großen „Plaza de la Constitution“ aufgezogen, um am folgenden Abend wieder eingerollt zu werden. Diesen patriotischen Akt im Frühtau lasse ich mir nicht entgehen, denke ich mir. Fröstelnd sowie allein stehe ich pünktlich am Rande des Schauplatzes. Aber keine Präsidentengarde weit und breit – und das ungeheurer große Fahnentuch hängt bereits und flattert und knattert mir lustig was vor in der kühlen Morgenbriese. Ich frage eine Senorita am Wegesrand. „Aber das beginnt doch jetzt immer um 5 Uhr“, sagt sie nachsichtig.

Zwei Italienerinnen haben uns beim üppigen desayuno (Frühstück) desinformiert. Weder ist heute der Tag, an dem das Anthropologische Museum kostenlos zugänglich ist, noch hat es überhaupt geöffnet. Das erfahren wir nach einem schönen Spaziergang durch die brausende Mex-City. Wir beschließen daraufhin, mit dem Bus in den Norden der Stadt nach Teotihuacàn zu fahren, wo unter der gleißenden Sonne Sonnen- und Mondpyramide auf uns warten. Das ist eine ungeheure Stadtanlage, war aber schon zur Aztekenzeit verlassen und ein Ruinenfeld. Dieses Bild wird mir auf der Reise noch oft begegnen, im Süden bei den Mayas sowieso: Schon vor hunderten Jahren, lange vor dem Spaniereinfall, ließen Stadtbewohner Alt-Mexikos ihre Städte Städte sein und zogen wieder aus. Zurück blieben Ruinenfelder, die alsbald wieder unter das Dach des Dschungels geholt wurden. Wartet das auch auf die „moderne Zivilisation“? Bertolt Brecht dichtete im Anblick der US-amerikanischen Metropolen einmal: „Von diesen Städten wird bleiben, was durch sie hindurchging: der Wind“.

Ein Modell der einstigen Stadt ist im benachbarten Museum auf einer Art Fußgängerbrücke zu überqueren. Aufstieg auf eine Pyramide. Oben Begegnung mit Sonnenanbetern verschiedener Art. Alles flimmert vor Hitze und in Helligkeit. Wir holen uns Eis und stellen Betrachtungen über die möglichen Folgen für den Magen an. Nach der Rückkehr ein erstes Taco-Gericht.

Danach – es dunkelt schon - fahren wir auf den „Tower Latinoamericano“, das in den 50er Jahren errichtete höchste Hochhaus im Stadtzentrum. Es war auch lange Zeit das größte des Subkontinents überhaupt. Mexiko ist – ähnlich wie Berlin – Stadt ohne Skyline – aber wegen seiner Ausdehnung auch von diesem Hochhaus aus unübersehbar. Dort oben auf dem Aussichtsplateau knutschen aufdringlich einheimische Schwule touristische Schwule ab. Wir besorgen uns 4 Liter Bier in 4 Flaschen und trinken sie abends im Hostle aus.

13.11.7

Ich ziehe an diesem Vormittag um in mein altes Hotel „Isabel“, wo ich ein großes, kühles Zimmer bekomme und – gemessen an der Jugendherberge – nur die Hälfte bezahle. In der Scotia-Bank 3.000 Pesos eingetauscht, allerdings mit Hilfe einer empleada, weil ich die Abforderungen am Automaten nicht so recht deuten kann. Danach einer alten Bettlerin auf die Beine geholfen, die vor mir von den Stufen gestürzt war. Sie bekommt ein paar Pesos. Mit Ines und Stefan geht es nun ins Anthropologische Museum. Umwerfende Exposition – aber falsche Präsentation, wie ich meine. 99,99 Prozent der Besucher sind eben keine studierten Völkerkundler. Aber genau dieser geistige Ansatz bestimmt die Schau. Wirklich schade. Im Erdgeschoss präsentiert sich das alte, im ersten Stock das neue Mexiko. Nach der Rückkehr erzählt uns Ines, sie sei in der U-Bahn angegrapscht worden. Mit der Polizei werden in Mexiko U-Bahn-Waggons „por mujeres“ (nur) für Frauen freigehalten. Den beiden rede ich noch den Besuch der Basilika der einzigartigen Jungfrau ein, den ich selbst schon vor einem Jahr absolviert hatte. Und sie besuchen auf mein Anraten hin auch noch den Nationalpalast im Stadtzentrum. Später sitze ich beim Kaffee in der Jugendherbergs-Kneipe an der großen Kathedrale, dort, wo wir gestern hinauskomplimentiert worden sind, und lasse noch drei Plaste-Biergläser für den Abend mitgehen. Auf dem Platz sammeln sich Lkw, die Spendenmittel für die Flutopfer in Tabasco geladen haben. Eine Clownerie bietet anspruchslose Unterhaltung – nur zwei dicke, kleine Polizistinnen lachen sich kaputt. Meine beiden Wessis wollen morgen nach Acapùlco.

14.11.09

Heute Morgen in aller Frühe erwische ich die Fahnen-Show und komme mit dem Fotoapparat sozusagen zum Schuss, wobei mich die Soldaten auf ihrem Marschschwenk fast umrennen. Zwei junge Kanadier hatten sich dazugestellt. Zu dritt hatten wir fröstelnd auf den Aufzug gewartet, auf das Spektakel im Morgengrauen, das so verlässlich erscheint wie die liebe Sonne.

Nach diesem Erfolg gönne ich mir ein Frühstück in der verlängerten Getera (eine Fußgängerzone) Sitze vor der Tür in der noch frischen Morgenluft. Die Händler und Wirte fegen die Straßen vor ihren Ständen. Menschen hasten an mir vorbei zum „desayuno politico“ (politischen Frühstück). Ich bestelle das desayuno de la Granja für 28 Peso. An diesem Tag will ich ein zweites Defizit des vergangenen Urlaubs ausgleichen. Denn ich hatte damals zwar das Museum des Sowjetrevolutionärs Trotzki besucht – der dort ermordet worden ist - nicht aber das unweit davon gelegene Museum der Malerin Frida Kahlo. Aussteigen muss ich an der U-Bahn-Station „Coyoacan“ (Kojote).

Langer Spaziergang durch eine grüne Gegend, die von einer Art Mittelstand bewohnt ist. Frida und Leo hatten sich nicht gerade ein Elendsviertel ausgesucht. Ich frage mich durch und sehe, eine Einlass begehrende Besuchergruppe rüttelt schon am grünen Tor zu Fridas blaugestrichenem Anwesen.

Frida, du hast um unsre Not gewusst. Die mexikanische Malerin reüssiert gerade mal wieder in Europa - in Deutschland sind Frida-Kahlo-Kalender und -Bildbände gutgängige Waren. Ihre Vorfahren kamen aus Deutschland, sie selbst brach mit der europaorientierten Malschule und ließ mexikanisches Licht auf ihren Bildern zu. Wer sich übers Bett die Porträtgalerie Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao hängt, der muss es erst meinen und einverstanden sei. Frida war es. Und mich macht nur der Gedanke zornig, wie „überlegen“ sich viele Besucher ihr gegenüber dünken werden. Die Mexikaner haben für die europäischen Bandenkämpfe wenig Interesse, und sie ließen in dieser Wohnung alles unberührt und eben so, wie es lag und stand, als Frieda starb. Man darf getrost bezweifeln, dass es ihr in Deutschland ähnlich ergangen wäre. Denn die Staffelei trägt das letzte, das unvollendete Bild von ihr. Es ist – ein Stalin-Porträt. Davor der verlassene Rollstuhl der Frida Kahlo, ein umwerfender Anblick. In Ausstellung zeigt ein weiteres Gemälde „Ich und Stalin“. Irgendwo steht ihr Korsett, sie musste eine solche Stütze tragen, weil sie von einem schweren Autounfall ein Skelettleiden davontrug, das ihr zeitlebens ungeheure Schmerzen verursacht hatte. Ihre vielen ernsten Selbstporträts geben das Elend dieser Frau wieder, ihr Damen-Oberlippenbart ist deutlich zu sehen, den versteckte sie nicht auf den Gemälden. Ich kann nicht anders, ich muss das Fotografierverbot umgehen und aus der Hüfte schießen. Zu beziehungsreich ist, was hier versammelt ist, vor den Grundfarben Weiß, Blau, Rot und auch sonst klar. Überall sind Blumen, die gibt es wie in vielen armen Ländern auch in Mexiko in verschwenderischer Fülle und rätselhafter Größe. Und im ganzen Hause stehen Skulpturen, kleine und Kleinstausgaben aztekisch-mexikanischer Kunst, die man zu Fridas Zeiten begann auszugraben. Vor dem Haus hatte sie sich eine Art Klein-Pyramide aus Zement errichten und rot anstreichen lassen und die Stufen mit Skulpturen bedeckt. Fridas Küche – in Blau-Weiß gehalten. Auf der weißen Wand wurden mit kleinen Steinchen Muster „gemalt“ Aus dem gleichen Material gelegt steht das Wort „Frida“ über dem Herd. Sowjetplakate - Hammer und Sichel in vielen Varianten - schmücken die Wand. Das Ehepaar Frida Kahlo und Diego Riviera (der Schöpfer riesiger Wandgemälde, die als typisch mexikanisch gelten) war befreundet mit dem Gründer der Roten Armee Leo Trotzki, der hierher vor Stalin emigrieren musste. Und man verfeindete sich über der Frage, wie Stalin zu bewerten sei. Was mögen Frida und Diego gedacht haben, als in ihrer Nachbarschaft – ein paar Ecken weiter - Trotzki dann mit einem Eispickel erschlagen wurde? In Vitrinen sind die Bücher zu besichtigen, die weltweit über die Künstlerin erschienen sind. „Guck mal, eine deutsche Biografie“, sagt der Mann zu seiner Gattin. Dass es sich um ein DDR-Druckerzeugnis handelt, bemerken sie wohl nicht einmal.

Die Erzstalinistin Frida Kahlo musste früh sterben, denn sie hatte entgegen des ärztlichen Rates an einer Demonstration gegen die USA-Invasion in Guatemala teilgenommen, was ihr einen tödlichen Schlag versetzte. Weil der demokratisch gewählte linksgerichtete Präsident Guatemalas ein paar Reformen durchgeführt hatte, welche die Allerärmsten seines Landes entlasteten, wurde er vom Ami gestürzt. So einfach kann das im demokratischen Leben zugehen. Während der Protestkundgebung gegen diese arrogant-mörderische Politik befiel den geschwächten Körper der Malerin eine Lungenentzündung, von er sie sich nicht mehr erholte. Nicht ihr Tod, aber „d e r Tod“ wird gefeiert in ihrem Garten. Vor blauer Wand hängen Folklore-Gerippe in vielen Größen. Wir sind in Mexiko, dem Land, das einen lebendigen Umgang mit dem Tod pflegt und ihn keineswegs schwarz anmalt. Im Garten wurde eine Sonderschau aufgebaut, lebensgroße Gerippe, noch in Arbeitskleidung, Ärzte, Sekretärinnen und andere Berufe. Sie grinsen sich gegenseitig an in ihrer schwungvollen Reglosigkeit. Der Tod ist in allen Farben lackiert. Zwischen den entfleischten Gestalten, den knallbunten Totenschädeln stehen Blumen, Schmetterlinge, Bierflaschen und Früchteschalen. Das ist eine Art Erntedankfest-Altar. In Leipzig steht über dem Eingang zum Hauptgebäude der Anatomie: „Hier dient der Tod dem Leben“. In Mexiko dient das Leben dem Tod.

Ich nehme in warmen Schatten des Gartens einen cafe americàno – der kommt unserer Vorstellung von diesem Getränk noch am nächsten – und trete danach benommen vors Tor in die Mittaghitze. Weil ich schon mal hier bin, will ich mir das Zentrum des Kojoten-Viertels betrachten und schlendere die Straße ab. Jeder, den ich nach dem Weg frage, erklärt mir, dass es unmöglich sei, dieses Ziel zu erlaufen – dabei waren es allenfalls anderthalb Kilometer. Vor 100 Jahren lag Mexiko-Stadt von hier aus noch ein gutes Stück entfernt, aber der sich in alle Himmelsrichtungen ausweitende Moloch hat Coyoacan längst gefressen. Ich sehe mich einer Behörde unter freiem Himmel um – das war vielleicht das Arbeitsamt und ziemlich belagert. Ein Polizist bittet mich vor die Tür. Da ich auf halbem Wege zur berühmten Universität bin, der „UNAM“, nehme ich die U-Bahn auch noch für die andere Hälfte und stehe vor der Endstelle. Aber keine Uni weit und breit. Ein netter Professor mit schöner Assistentin nimmt mich im Auto mit und wirft mich nach 10-minütiger Fahrt zwischen dem Uni-Hauptgebäude und dem legendären Aztekenstadion ab, dem Olympiastadion von 1968. Dort sprang Bob Beamon 8,90 Meter weit und verbesserte damit den Weitsprung-Weltrekord auf einen Schlag um rund 60 Zentimeter. Ich strolche auf dem ungeheuren Uni-Campus herum, auf dem sich die studentische Jugend des Landes im Schatten von Baumgruppen ausruht oder in der Sonne Fußball spielt. Einige Studentinnen kann ich dazu überreden, sich gemeinsam mit der Uni-Bibliothek von mir ablichten zu lassen. Es ist ein berühmtes Haus, war zur Erbauerzeit einmalig als Doppelquader mit den Weltall-Erde-Mensch-Motiven auf der Vorder- und Rückseite.

Vor dem Gebäude der medizinischen Fakultät kaufe ich mir einen Früchtebecher und eine Wasserflasche. Es ist gerade Mittagspause, viele stehen und sitzen im weißen Kittel herum. Auf dem Rückweg komme ich an einem Gebäude vorbei, das wohl als Wohnheim dient. Auf einem großen Transparent, das vor der Wand entrollt ist, lese ich, dass die Uni-Selbstverwaltung eine Farce und die Rektorin eine Tyrannin sei. Das vorhin genossene Wasser fordert freien Lauf, ich dringe in meinem Drange in ein Seminargebäude ein, stoße aber zunächst nur und immer wieder auf Frauen-Toiletten. Irgendwann im zweiten Stock klappt es dann. Auf den Fluren liegen die hoffnungsvollen Nachwuchs-Akademiker herum, das Haus ist ziemlich bevölkert. Die Innereien der Seminargebäude sehen recht angestoßen, zum Teil auch ruiniert aus – aber es ist hier wohl auch die Geisteswissenschaft. Von einer Wandzeitung lachen Marx und Lenin herab – na die können hier vielleicht Themen haben.

„Der Bus zur Metro ist kostenlos“, sagt mir ein Student, als ich an der parada (Haltestelle) meine Pesos locker machen will. Es ist zwar gedrängt voll in der heißen, verbeulten Schüssel, aber schlecht (und umsonst) gefahren ist wirklich besser als gut gelaufen. Vor allem, weil die Hitze draußen schier den Verstand raubt. Die U-Bahn bringt mich dann wieder ins Zentrum zurück, zur Station „Isabella“ (die katholische, die also nicht nur meinem Hotel den Namen gegeben hat). Mit den Tacos, die ich auf dem Rückmarsch an einem Stand kaufe, habe ich diesmal Pech – sie sind mit ecklig-fetten Schmalzbatzen gefüllt. Für stolze 10 Pesos erstehe ich einen kleinen Schuhanzieher. Zehn riesige Pesos für diese Unbeträchtlichkeit, frage ich die Senorita. „Pesitos“ (Pesochen) gibt sie lachend zurück. Na ja, negocios mexicanos. Weil ich dabei bin, hole ich mir noch einen Reserve-Tauchsieder, der hier „Canzentador para aqua“ genannt wird. Als guter Kamerad sorgt er morgens für Kaffee oder Tee, abends für Grog und alle drei, vier Tage sichert er die Wäscherei ab, denn einige meiner Hotels glauben, auf Warmwasseranschlüsse verzichten zu können. Und abgekochtes Wasser ist allemal empfehlenswerter.

Dieser Text ist Teil einer größeren Mexiko-Reportage. Er unterliegt dem Urheberrecht. Bei Interesse an der vollständigen Reportage wenden Sie sich an die Redaktion von travel-report.info .
mauß