April 2009: Abends brennen die Kerzen auf den elegant eingedeckten Tischen. Ihr Flackern leuchtet in den leeren Weingläsern wider. Die Flamenco-Klänge im Hintergrund lassen einen temperamentvollen Abend erwarten. Die Kellner stehen im Frack bereit. Die romantische Szene hat nur einen kleinen Makel: es gibt keine Gäste. Antalya probt die Saison. Die malerische Altstadt Kaleici ist übersät mit Restaurants, die auf Gäste warten. Nicht überall sieht es so perfekt aus wie im exklusiven "La Perla". Aber auch in den einfacheren Lokalen in Küstennähe unterbrechen die eifrigen Kellner ihr Go-Spiel, wenn ein Spaziergänger sich in ihre Straße verirrt. Sie halten jedem Spaziergänger eifrig ihre Speisekarte entgegen und wollen ihn überreden, auf ihrem Freisitz Platz zu nehmen. Was mit Verführung nicht klappt, versuchen die Restaurants mit den Preisen zu erreichen: Einige bieten das Bier schon zu Ladenpreisen, knapp anderthalb Euro, an.
Noch ist alles zu früh, noch alles nur ein Vorspiel. Aus den berüchtigten Szenebars, Dr. Blues oder das Ally in denen sich sonst die Party-People drängen, schallt zwar schon eine knackiger Sound, aber eben nicht das Sprachengewirr gut gelaunter Gäste. Im Club Cece spielt seit zwei Stunden eine Liveband. Einzige Zuhörer sind drei Kellner hinter dem Tresen und zwei Katzen, die es sich auf der Treppe zum Gastraum gemütlich gemacht haben. Die Musiker lassen sich von dem ‚Publikumsmangel’ nicht beirren. Mit lachenden siegesgewissen Gesichtern produzieren sie den Sound, der in einen Monat später für Gedränge auf der Tanzfläche sorgen wird. Es ist wie jedes Jahr. In ein paar Wochen kann sich niemand mehr vorstellen, dass die Stadt je derart leer gewesen sein könnte.
Mohammed, der sich als Reiseführer ausgibt und wie viele Türken hier erzählt, dass er in Deutschland geboren ist, gibt sich optimistisch: „Dieses Jahr wärden ville Urlauber kommen, vielleischt mähr als in voriges Jahr.“ Das Gerede von der Finanzkrise vermag ihn nicht zu beeindrucken. „Die Deutsche habe Geld und das gebe sie hier aus“ ist er sich sicher. „Und isch zeige ihnen die Sähenswürdischkeiten!“ bestätigt er. Auf die Frage, was er ihnen denn zeigt, sagt er: „Alles, was sie sähen möschten.“ - Probeweise verlangt er auch für diese Auskunft schon mal ein paar Lira.
Eine der wenigen Restaurants, die inmitten der Leere einige Gäste vorweisen können, ist das Favori in Kaleci, der Altstadt von Antalya. Adnan Yani, der Besitzer, sagt: „Man muss sich nur etwas einfallen lassen und die Leute kommen.“ Er hat seine Gerichte besonders gestaltet. Der Seebarsch, den er serviert, schaut mit ausdruckslosem Blick, gestützt auf zwei Bananen in den Himmel. Sein „osmanischer Teller“ wird aus einer Alufolie-Ente herausgeschält. Wenn er erstmal zwei oder drei Tische mit Gästen besetzt hat, greift die Logik der Herde: Die anderen Touristen, die noch ein Restaurant suchen, setzen sich lieber hier hin als in ein völlig leeres Gastzimmer.
Antalya ist einer der am schnellsten wachsenden Städte in der Türkei. Die Einwohnerzahl soll sich in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt haben und erreicht nach offiziellen Angaben bald die Millionengrenze. Dabei ist es nicht nur der Tourismus, sondern eine schnell wachsende Industrie, die der Stadt solche Prosperität verschafft. Viele der Urlauber, die auf dem Flughafen Antalya ankommen, lassen die Stadt jedoch links oder rechts liegen und werden stracks in ihr Strandhotel in Belek, Alanya oder Kemer gefahren. Manche von ihnen unternehmen dann häufig nur einen Tagesausflug hierher, um eine der schönsten Altstädte der Türkei zu sehen.
Auch die berühmten antiken Denkmäler von Termessos, Perge oder Aspendos werden eher von Pauschalreisenden, bei denen ein Besuch im Programm steht, besucht. In der Hauptsaison (Mai bis Oktober) können das sehr viele sein. Wer hier in der Vorsaison kommt, hat mit etwas Glück diese historischen Stätten für sich ganz allein. - Viele Sonnensucher an den Küstenhotels wissen jedoch nicht, dass sie sich in der Nachbarschaft antike Sehenswürdigkeiten befinden, wie man sie zum Teil in Griechenland nicht mehr findet.
Ob Antalya wirklich eine Tourismusflaute erleben wird, ist schwer zu sagen. Die Preise sind weiterhin günstig und die Gastgeber haben gelernt, mit den Touristen umzugehen. Vielfach haben sie einen unverwechselbaren Charme entwickelt: Auf dem Einkaufs-Boulevard von Antalya fragt ein Textilverkäufer, der sich langweilt: „Darf ich Ihnen eine Hose passend zur Farbe der Eiskugel, die Sie gerade essen, heraussuchen?“
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