Es ist nicht gut für einen Autor, über einen Gegenstand zu schreiben, den er zu sehr mag, bekennt Heinrich Böll irgendwo in seinem „Irischen Tagebuch“. Er liebt Irland, er liebt es über alle Maßen, das verhehlt er nicht. Er ist gewissermaßen einer der Iren. Und diese Liebe ist deutsches Gemeingut.
Woher stammt das eigentlich? Warum lieben wir die Iren so innig? Seit die Umfragen unter den Deutschen nach den europäischen Vorlieben durchgeführt werden, liegen die Iren regelmäßig mit Abstand vorn.
Ist es, weil Irland das einzige Land Europas ist, von dem aus niemals ein anderer Staat angegriffen worden ist? Oder weil die - zeitweilige – gemeinsame Feindschaft zu Großbritannien Deutsche und Iren zusammengeschweißt hat?
Das wissen die wenigsten unter den Irland-Fans, und es ist ihnen auch egal. Es könnte schon eher sein, das Liebesgefühl wurzelt im Irrationalen und darin, dass Irland eine Art großer Unbekannter ist. Das ist häufig so: Wir kennen eine Sache überhaupt nicht, denken uns dennoch irgendetwas dabei und richten unsere Gefühle danach aus. Die Liebe des Deutschen zum Iren stammt tatsächlich aus einer Zeit, als die wenigsten Deutschen mit Iren oder ihrem Land Bekanntschaft schließen konnten. Heinrich Böll war mit seiner 54er Reise eine Art Pionier. Und sein „Irisches Tagebuch“ war eine Art Türöffner.
Diese herzlichen Gefühle überlebten aber auch in einer Zeit wie der heutigen, in der die Fluggesellschaft Ryanair Billigflüge nach Dublin anbietet und jedem die irische Pforte aufschließt, der nur irgend will. Und außerdem kennen die Deutschen auch andere Länder nicht und lieben sie deswegen noch lange nicht.
Die Liebe zu Irland ist eine unumstößliche Tatsache, die offenbar durch nichts erschüttert werden kann. Wahrscheinlich gibt es mehr Deutsche, die Irland lieben, als Deutsche, die Deutschland lieben. Das ist nur auf dem ersten Blick sonderbar. Warum, so fragte Kurt Tucholsky völlig zu Recht, soll man ausgerechnet das Land lieben, in dem man Steuern zahlen muss? Die Liebe des Deutschen zu Irland dagegen ist eine reine, zu nichts verpflichtende Liebe. Ohne finanzielle Interessen, das gilt jedenfalls, so lange man sich von der Insel fernhält. Mit größerer Nähe wächst auch das finanzielle Element. Der Ire versteht es, die Liebe, die ihm Deutschland (und die Welt) entgegenbringen, in klingende Euros umzusetzen.
Ich bekenne ganz offen, dreimal sollte ich in Irland an einer Kasse betrogen werden – genau gesagt, dreimal habe ich es bemerkt. Das ist nicht gerade wenig für einen 8-Tages-Aufenthalt. Aber fairer Weise muss ich hinzufügen: Es waren keine Iren, sondern Ausländer. Sozusagen Gastarbeiter. Aber dann: Lynchen und boykottieren sind Worte, die aus Irland stammen. John Lynch und Captain Boykott waren Iren.
Ich bekenne also: Ich liebe Irland nicht.
Aber ich mag es ein wenig.
Dieser Text ist Teil einer größeren Irland-Reportage. Er unterliegt dem Urheberrecht. Bei Interesse an der vollständigen Reportage wenden Sie sich an die Redaktion von travel-report.info .
mauß